Roggen für das Friedensbrot

Berlin, 25. Juli 2019. Roggen war im Ackerbau das am spätesten domestizierte Getreide. Im Gegensatz zu Einkorn, Emmer, Weizen, Gerste und Hafer ist Roggen ein Fremdbefruchter. Seine Wildformen weisen die vielfältigsten Eigenschaften auf. Zudem verließen die Körner früh den Ährenverband und standen für die Kornernte kaum zur Verfügung. Der Roggen kam in der Geschichte des Getreides zwar früh aus Anatolien nach Westeuropa, galt aber zunächst als Unkraut. Seine noch heute bedeutsamen Vorteile, auf armen und trockenen Böden zu wachsen, machten ihn aber bald zu einer interessanten Alternative. In nur wenigen Generationen hatte er sich nach den Römern zu einer Hauptgetreideart entwickelt und sicherte das Überleben der Menschen. Mit dem Roggen ging auch ein Kulturwechsel einher: Die Körner lassen sich kaum zu Brei verarbeiten, das Mehl aber gut backen. Bald hielt somit haltbares Brot Einzug in die Küchen nördlich der Alpen. Das dunkle Roggenbrot steht für Kraft und Gesundheit. In Berlin bezwingt der Roggen selbst die Mahnmale des ehemaligen Todesstreifens an der Bernauer Straße.

Der Roggenanbau geht auf ein Kunstprojekt des Bildhauers Michael Spengler aus dem Jahr 2005 zurück, wird seitdem jährlich weitergeführt und wurde Ende Juli von der Lebenswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt Universität zu Berlin im Rahmen des Vereins FriedensBrot e.V. bereits zum 14. Mal auf einer Fläche von etwa 2.000 Quadratmetern rund um die Kapelle der Versöhnung geerntet (siehe: Link). Mittlerweile wächst der Friedensroggen in elf europäischen Ländern, die einst hinter dem Eisernen Vorhang lagen. Ein Teil der Ernte wird in diesem Jahr nach Litauen zum FriedensBrot-Kongress 2019 geschickt, um daraus das gemeinsame europäische FriedensBrot zu backen.

Der Parzellenmähdrescher Wintersteiger Classic verbreitet die Atmosphäre der Getreideernte mitten in Berlin. Eine kleine Staubfahne zieht das Mini-Ungetüm hinter sich her, wenn die Haspel die Ähren greift und über den Schneidtisch in das Innere zieht. Ebenso ordentlich legt er auch ein Strohschwad hinter sich ab. Eines davon führt den Blick auf die Versöhungsskulptur der Bildhauerin Josefina de Vasconcellos. Mit so einem Erntespektakel hatten die Besucher der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße nicht gerechnet. Es findet ja auch nur einmal im Jahr statt. Viele nutzten die Gelegenheit für seltene Fotos und nahmen aus der Versöhnungskapelle den neuen Flyer von FriedensBrot mit (siehe: Link).

Die ackerbauliche Leitung für das Roggenfeld hat Prof. Dr. Dr. h.c. Frank Ellmer. Er und seine Kollegen von der Humboldt-Universität orientieren sich an der Guten Fachlichen Praxis des Pflanzenbaus. Doch mittlerweile ist der komposthaltige Boden des Feldes recht vermullt und hält den Niederschlag auf dem ehemaligen Todesstreifen nicht mehr ausreichend fest. Rund 200 Kilogramm Roggenkorn werden geerntet. Das entspricht einem Flächenertrag von 10 dt je Hektar, was unter den gegebenen Standortbedingungen vergleichsweise wenig ist. Der Pflanzenbauer will deshalb mehr. Obwohl der Roggen im Wesentlichen als Symbol für das Friedensprojekt Europa wächst, soll der Boden in Zukunft durch das Aufbringen von lehmhaltigem Mutterboden ackerbaulich aufgewertet werden. Damit werden die Bedingungen für das Wachsen und Gedeihen des Getreides nachhaltig verbessert werden, um dauerhaft gute Ernten erzielen zu können.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies, Facebook- und Youtube-Plugins zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen